Unterschiede zu Deutschland und das Geheimnis von PISA:
Wie ich bereits mehrmals angedeutet habe, liegt das gute Abschneiden der finnischen SchülerInnen bei PISA nicht am Unterricht, der insgesamt frontal, auf das Lehrwerk und die Lehrkraft ausgerichtet ist. Es werden kaum Methoden angewendet und es gibt auch keine Binnendifferenzierung (und das an Gesamtschulen, wo alle Kinder gemeinsam und gleich lernen und es keine Aufteilung auf Förder-, Haupt-, Realschulen und Gymnasien gibt)! Auffällig sind weiterhin die vielen Hausaufgaben, die den SchülerInnen in den meisten Fächern aufgegeben werden und der Vergleich der Hausaufgaben einen nicht geringen Teil der Stunde einnimmt. Die Frage ist nun: Was machen die Finnen anders und was machen sie so besonders gut? Die Antwort: eigentlich alles!!!
Hier nun meine persönliche Zusammenfassung:
• Das Gesamtschulsystem (nicht zu vergleichen und zu verwechseln mit den Integrativen Gesamtschulen in Deutschland, wo Kinder trotzdem auf A B C Kurse verteilt und getrennt unterrichtet werden und unterschiedliche Abschlüsse erreichen; das gibt es in Finnland nicht, hier werden alle gemeinsam bis zur 9. Klasse unterrichtet, je nach Bedarf zusätzlich gefördert und machen denselben Abschluss) bietet bis zur 9. Klasse eine gemeinsame Grundbildung für alle Kinder und eröffnet damit gleiche Bildungschancen unabhängig vom sozioökonomischen Status der Familien und vom kognitiven Entwicklungsstand des einzelnen Kindes.
→ Aufgrund des Gesamtschulsystems fühlen sich alle SchülerInnen gleichwertig und sie sind es tatsächlich auch, da alle dieselben Bildungs- und Zugangschancen haben! Es gibt keine VerliererInnen des Bildungssystems und der Gesellschaft. (Ich brauche wohl nicht die andauernde und absolut notwendige und gerechtfertigte Diskussion, die das deutsche Schulsystem in Frage stellt, zu wiederholen…)
• In die Bildung wird viel mehr Geld investiert als in Deutschland! Die Steuern für die Einzelnen sind in Finnland zwar relativ hoch, doch ein erheblicher Teil der Steuergelder wird eben in die Schulen gesteckt! Und das wird auch von der Gesellschaft wohlwollend mitgetragen! Einige Beispiele: sehr gute technische Ausstattung, große Klassenräume und Einzeltische, die schnell verschoben werden können, relativ kleine Klassen, Unterstützung der Lehrkräfte durch SchulpsychologInnen, Sonder- und SozialpädagogInnen, kostenloses Mittagessen für jedes Kind, gute Gesundheitsfürsorge durch (Zahn-)ÄrztInnen und Schulkrankenschwestern, regelmäßige Projekte, internationale Austauschprogramme, Förderung von Migrantenkindern (insbesondere im Erlernen der finnischen Sprache), Lehr- und Lernmittelfreiheit bis zur 9. Klasse (vom Radiergummi über das Heft bis hin zu allen Schulbüchern und Begleitmaterialien), Förderung von lernschwächeren Kindern und Jugendlichen durch Lehrkräfte selbst oder qualifiziertes Personal von außen im Anschluss an den Unterricht, was auch vergütet wird etc.
→ Durch die Politik und die Gesellschaft wird der Schule und der Bildung eine hohe Wertschätzung entgegengebracht und das kommt auch bei den Kindern und Jugendlichen an! Zudem wird kein Kind zurückgelassen, da es genügend Unterstützungsinstanzen gibt, die sich um Kinder mit Schwierigkeiten in jeglicher Hinsicht kümmern. Wenn wir uns den Zustand an deutschen Schulen anschauen, dann kann man nicht unbedingt behaupten, dass der Politik etwas an Bildung und unseren Kindern, die die Zukunft der Gesellschaft darstellen, liegt…
• Die Ausbildung von Lehrkräften hat einen hohen Stellenwert: Bereits ErzieherInnen (für Kitas, Kindergärten und Vorschulen, die das Alter von eins bis sechs Jahren umfassen) werden universitär ausgebildet. GrundschullehrerInnen können sich speziell zu KlassenlehrerInnen ausbilden lassen. Sie können aber auch ein Fachstudium wählen, das ca. 4 Jahre umfasst, und dann ein Jahr lang ein Pädagogikstudium anhängen. Besonders hervorzuheben sind allerdings die Auswahltests, die ich an anderer Stelle bereits beschrieben habe. Entscheidet man sich also für den Lehrberuf, muss man drei Testphasen durchlaufen, die bereits Pädagogikwissen, Teamarbeit und eine Unterrichtseinheit sowie einen psychologischen Test und somit die psychologische Eignung umfassen, und bestehen. Nur jede/r Dritte wird nach diesen Tests zum Lehramtsstudium zugelassen.
→ In Finnland werden durch diese Persönlichkeitstests auch nur wirklich diejenigen zum Studium zugelassen, die LehrerInnen aus Überzeugung werden möchten und dafür geeignet sind. Wer wird bei uns in Deutschland daran gehindert, LehrerIn zu werden…?
• Es werden alle Fächer gleichermaßen gefördert:
- Finnisch (der finnischen Sprache wird ein hoher Stellenwert zugeschrieben)
- die geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächer (in diesem Zusammenhang wird das Nationalgefühl der Finnen stark gefördert und geprägt)
- die Fremdsprachen (hoher Wert wird auf möglichst viele Sprachen gelegt und dabei wird meist ein sehr hohes Niveau erreicht, wenn auch Englisch immer mehr dominiert und gewählt wird)
- die Naturwissenschaften
- die musischen und künstlerischen Fächer (diese sollen besonders zur Persönlichkeitsentwicklung der SchülerInnen beitragen)
- Sport in allen möglichen Variationen (es gibt kaum übergewichtige Kinder in Finnland)
- (traditionelle) Handarbeit und Werken
- Einbindung der neuen Medien in möglichst viele Fächer
→ Dadurch haben Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, alle Gebiete des gesellschaftlichen Lebens und die Anforderungen der Arbeitswelt bzw. des Studiums kennenzulernen. Ihnen wird die Chance gegeben, ihre Persönlichkeit durch ein breites Angebotsspektrum zu entfalten. Dabei können sich persönliche Interessen herauskristallisieren, die den Jugendlichen helfen, einen zukünftigen Beruf ins Auge zu fassen. Meine Erfahrung aus Deutschland ist, dass es stark von den politischen und gesellschaftlichen Strömungen und bestimmten Lobbygruppen abhängt, welches Fach besonders gefördert oder eben vernachlässigt wird. Leider wird dabei die Hauptsache vergessen: die bestmögliche Entwicklung des Kindes.
=> Durch die vielen Unterstützungsinstanzen, den hohen Stellenwert der Bildung, die gut ausgebildeten Lehrkräfte, gleiche Bildungs- und Zugangschancen für ALLE SchülerInnen (hohe Erwartungen an die eigene Zukunft), die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund und natürlich auch aufgrund der finnischen Mentalität gibt es kaum erwähnenswerte Unterrichtsstörungen! Insofern kann ein hohes Tempo und ein hohes Niveau des Unterrichts (auch wenn es meist um die Reproduktion von Wissen geht, nicht um Transferleistungen) aufrechterhalten werden. Man denke nur an einige deutsche Hauptschulen und auch Realschulen, in denen das Unterrichten zum großen Teil überhaupt nicht möglich ist, weil Unterrichtsstörungen und pädagogische Maßnahmen (bzw. leider sehr oft Ordnungsmaßnahmen) den Schulalltag bestimmen… (hier möchte ich nicht falsch verstanden werden: ich sehe nicht die Kinder als Ursache für die Unterrichtsstörungen; ihr Verhalten ist lediglich das Ergebnis von vielen tiefgehenden, weitreichenden und oft weiter zurückliegenden Ursachen…)
Gegebenenfalls steckt in diesen Aspekten, die zum größten Teil meine Beobachtungen widerspiegeln, das Geheimnis vom guten Abschneiden der finnischen SchülerInnen bei PISA?
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Hallo,
AntwortenLöschenich habe gelesen, dass in finnischen "Grundschulen" (Klasse 1-4) eher offen als lehrerzentriert gearbeitet wird. Wie geht das mit ihrer Erfahrung überein?
Mit freundlichen Grüßen
Mario Bauer aus Husum (Schleswig-Holstein)
Hallo Herr Bauer,
AntwortenLöschenich freue mich sehr über Ihre Anfrage.
"Grundschulen" umfassen hier meistens die Klassen 1-6, doch viele Schulen sind mittlerweile Gesamtschulen und umfassen die Schuljahre 1-9 durchgängig.
Ich hatte auch gedacht, dass zumindest in den niedrigeren Klassen eher offen als lehrerzentriert gearbeitet wird, doch ich muss sagen, dass ich das durch meine Beobachtungen nicht bestätigt sehe. Ganz besonders im Fremdsprachenunterricht wird an unserer Schule fast ausschließlich mit dem Lehrwerk gearbeitet, aber auch im Geschichts- und Matheunterricht. Im Finnischunterricht für Migrantenkinder werden viele Arbeitsblätter ausgeteilt. Dabei steht die Lehrkraft im Mittelpunkt aller Anweisungen und es wird frontal unterrichtet. Im Fremdsprachenunterricht werden zusätzlich immer wieder Kommunikationsaufgaben oder kurze Partnerarbeitsphasen eingebaut, die sich aus den Aufgaben im Buch ergeben. Eine Stationsarbeit habe ich bisher nur einmal erlebt, die mich allerdings sehr beeindruck hat.
Was aber in Sachen eigenverantwortliches Lernen auffällt: bereits ab der 1. Klasse werden die Kinder hier an die eigenständige Überprüfung ihrer erledigten Aufgaben herangeführt. So liegen Lösungsbücher im Klassenzimmer aus oder die Lösungen werden über Dokumenten-Kamera, Beamer und Leinwand für alle Kinder sichtbar gemacht. Die Kinder vergleichen dann selbstständig ihre Aufgaben mit der Lösung und korrigieren bei Fehlern ohne Aufforderung der Lehrkraft. Dazu können Fragen gestellt werden. Wenn die SchülerInnen eine Aufgabe schneller als andere erledigt und auch schon verglichen haben, holen sie ihr Buch hervor, das sie immer in ihrem Einzeltisch haben und lesen darin. Das ist faszinierend zu beobachten. Insofern wird das eigenverantwortliche Lernen und auch das Leseverstehen gefördert. Doch als offenen Unterricht kann man dieses Prinzip nicht bezeichnen.
Die KlassenlehrerInnen sind sehr flexibel mit ihren Stundenplänen. An unserer Schule bestimmen sie selbst, welches Fach sie wann und wie lange unterrichten - abhängig von der momentanen Situation der Klasse schieben sie dann ein kreatives Fach wie Kunst oder Musik ein oder entscheiden sich bei großer Konzentration der Kinder für Mathe oder Sachkunde. Sie haben schon eine Vorgabe, welche Fächer mit wie vielen Unterrichtsstunden unterrichtet werden müssen. Aber sie entscheiden eigenständig über den Zeitpunkt.
Abgesehen davon haben die Lehrkräfte den Lehrplan als Orientierung und dieser wird hier sehr ernst genommen. Insofern herrscht im Unterricht ein hohes Tempo und ein hohes Niveau vor. Durch die vielfältigen Unterstützungsinstanzen für die Lehrkräfte, die relativ kleinen Klassen und die finnische Mentalität (Respekt vor Bildung und der Lehrkraft) kommt es kaum zu Unterrichtsstörungen, wodurch das hohe Tempo und Niveau aufrecht erhalten werden kann. Hierzu kann ergänzt werden, dass sehr viele Hausaufgaben gegeben (und auch erledigt!) werden, was hier auch als selbstständiges Lernen betrachtet wird.
Vielleicht sind damit die guten PISA-Ergebnisse zu erklären?
Ich hoffe, das hat Ihre Frage einigermaßen beantwortet? Ich freue mich über weitere Fragen und Anregungen.
Liebe Grüße aus Helsinki
Öfters kann man in den Medien lesen, dass die guten PISA-Ergebnisse auf die kleinen Klassengrößen von unter 20 Schülern zurück zu führen sind. Wie sieht es mit dieser Behauptung aus?
AntwortenLöschenLiebe Grüsse, aus Bayern
Sabine
Hallo Sabine,
AntwortenLöschendanke für die Anfrage und sorry, dass ich jetzt erst antworte. Mein Beruf hat mich ziemlich eingenommen.
Hier also meine Erfahrungen:
Ich habe beides gesehen - Klassengrößen von 10 Kindern bis Klassengrößen von 35 Jugendlichen. Die KollegInnen in Finnland berichteten, dass es keine gesetzlichen Vorgaben gibt. Das ist von Schule zu Schule unterschiedlich und die Gegebenheiten an der jeweiligen Schule entscheiden, wie groß die Klassengrößen sind. Da sind die Schulen ziemlich autonom.
An der Grundschule (1.-6. Schuljahr), an der ich mein Praktikum gemacht habe, haben sich die SprachlehrerInnen (Deutsch und Englisch) geweigert, Klassengrößen von über 14 Kindern zu unterrichten. D.h. die Kurse, in die sich die Kinder eingewählt haben, wurden geteilt. Englisch und Deutsch hat also mit maximal 12 Kindern stattgefunden, manche Kurse hatten aber auch nur 8 Kinder. Somit war der Sprachunterricht SEHR effektiv. Es herrschte ein hohes Tempo und hohes Niveau vor und die Lehrkräfte konnten sich viel intensiver um die einzelnen SchülerInnen kümmern. Der übrige Unterricht im Klassenverband fand mit Klassengrößen bis zu 32 statt.
An anderen Schulen (Mittelstufe und Oberstufe) war der Unterricht (alle Fächer) abhängig von der Einwahl in Kurse und somit war die Kursgröße auch immer sehr unterschiedlich. In der Oberstufe habe ich SEHR große Englischkurse gesehen und einige Lehrerinnen berichteten mir, sie hätten schon Kursgrößen von 40 SchülerInnen unterrichtet. Da überwiegend lehrerzentriert und frontal unterrichtet wurde und ein großer Lernwille bei den finnischen SchülerInnen zu beobachten war, zudem kaum bis gar keine Unterrichtsstörungen stattfanden, wurde auf sehr hohem Niveau unterrichtet.
Ich hoffe, das hat etwas geholfen?
Liebe Grüße aus Hessen,
Liz