Sonntag, 22. März 2009

Wochenrückblick I

Meine Erfahrungen mit der finnischen Kultur:
• Seit letztem Sonntag war das Wetter ziemlich bescheiden. Es war ständig trüb, die Wolken hangen tief, es machte ständig den Anschein, als ob es gleich schneien würde, die Maximaltemperatur diese Woche war +3°C (wow!) (aber meistens um Null Grad oder darunter…). Ich war ständig müde und auch die Stimmung im Kollegium war teils gereizt. Am Donnerstag kam dann die Erlösung für alle: die Sonne!!! Das Gesprächsthema Nr. 1! (Die Menschen hier warten auf den Frühling, der noch etwas auf sich warten lassen wird. Ende April, Anfang Mai kann man mit dem Vollfrühling rechnen.) Es war zwar immer noch eisig kalt und windig, doch die Menschen wachten auf und waren entspannter! Mir ist dieser Effekt lange nicht mehr so bewusst gewesen wie hier! Am Freitag war es dann wieder trüb, doch man schöpfte noch Energie vom Vortag. Am Samstag (wie ich gestern schon beschrieben habe) hat sich die Sonne wieder gegen die Wolken durchgesetzt und das hält bis heute an. Momentan ziehen allerdings Wolken auf…doch mein Morgenspaziergang war unter strahlend blauem Himmel :-)
• Ca. 70% der finnischen Menschen haben blaue Augen und blonde Haare (darunter alle möglichen Nuancen des Blondtons). Alle anderen haben braune oder schwarze Haare mit blauer oder anderer Augenfarbe. Diese Menschen sind allerdings meistens nicht finnisch oder sie haben ein Elternteil, das gebürtig nicht aus Finnland kommt.
• Die Busfahrten – ein Kapitel für sich ;-) Meine Erfahrung ist, dass die BusfahrerInnen wie Wahnsinnige über die Stadtautobahn rasen und dann abrupt bremsen, wenn jemand von der Bushaltestelle aus winkt. Das Erstaunliche an den Bushaltestellen ist auch, dass sie meist hinter einer Schallmauer versteckt sind! D.h., erst wenn man kurz vor der Bushaltestelle ist, sieht man, ob da jemand winkt. Dann muss natürlich eine extrem starke Bremsung her! Da ist echt wichtig, dass man sich am Vorsitz festhält, um nicht davor geschleudert zu werden. Ich habe versucht, das mal in einem Video festzuhalten. Ich weiß aber nicht, ob die Szenerie so gut wirkt:



Weiterhin bekomme ich morgens regelmäßig Panikattacken, wenn fünf bis sechs Busse gleichzeitig auf meine Bushaltestelle zugefahren kommen und ich erkennen muss, ob mein Bus auch darunter ist und dann auch noch dem richtigen Bus winken muss, damit dieser anhält! Leider habe ich es bisher noch nicht geschafft, ein Foto davon zu machen, da ich zu sehr damit beschäftig bin, meinen Bus zu bekommen…
• In Helsinki und dann vermutlich auch sonst nirgendwo in Finnland gibt es Hochhäuser, wie wir sie aus unseren Großstädten kennen (wobei unsere ja auch nicht so hoch sind im Vergleich zu einigen asiatischen und amerikanischen Großstädten…). Bisher habe ich als höchstes ein neunstöckiges Wohnhaus gefunden. Das ist schon zu einem Sport für mich geworden, in neuen Stadtteilen oder Orten die Stockwerke eines Hauses zu zählen ;-)
• Die Finnen lieben es, sich draußen aktiv zu bewegen. So sieht man speziell in Parks ständig Menschen mit Hunden, mit Kinderwagen, mit Kindern im Schnee, beim Spazierengehen, Joggen oder beim Nordic Walking mit Stöcken. Sie finden es auch ganz toll, über zugefrorene Seen, Flüsse oder das Meer zu laufen, auch wenn das Eis am Ufer schon taut… Ganz besonders lieben sie aber den Skilanglauf – auch auf kleinsten Parkflächen! Einige KollegInnen erzählten mir, dass sie vor der Schule oder während der Schulzeit mit ihren Klassen oder direkt nach der Schule Ski laufen gehen. Skilanglauf am Wochenende ist ein Muss für viele KollegInnen! Von meinem Fenster aus kann ich dieses Treiben im Park immer sehr gut beobachten!
• Die Finnen lieben auch Lakritz in allen Variationen! Als neuste Erfindung wurde die Kombination aus Schokolade und Lakritz-Füllung auf den Markt gebracht (das hat es mir auch angetan – ich liebe Lakritz und Schokolade und jetzt auch noch 2 in 1 – toll!!!)!
• Das Telefonieren und SMS verschicken ist in Finnland mit finnischen Handykarten unglaublich günstig – das ist wahrscheinlich das einzig günstigere, was ich bisher im Vergleich zu Deutschland gefunden habe! Eine SMS verschicken kostet 7 Cent, auch nach Deutschland, und eine Minute telefonieren kostet 4 Cent! Unglaublich! Die meisten Menschen in Finnland besitzen eins oder mehrere Nokia-Handys…
• Viele Finnen tragen Brillen, oft von D&G…
• Der Zebrastreifen dient meist der Zierde der Straße und nicht als Hinweis für die Autos und Busse, langsamer zu werden und Ausschau zu halten, ob FußgängerInnen die Straße überqueren wollen. Also Vorsicht bei Zebrastreifen! Die Autos halten in den allermeisten Fällen nicht an!
• In der Stadt gibt es kaum FahrradfahrerInnen. Ob das wetterbedingt ist, werde ich weiterhin beobachten.
• Ich weiß nicht, ob ich mich täusche, aber ich habe den Eindruck, dass es nicht viele Postkästen in Helsinki und Umgebung gibt. Es dauerte ziemlich lange, bis ich EINEN Briefkasten in meinem Wohngebiet gefunden hatte und von dort einige Postkarten verschicken konnte. Auch im Zentrum freue ich mich jedes Mal, wenn ich einen orangefarbenen Kasten sehe, weil es irgendwie so wenige gibt…
• In Finnland gibt es in Lebensmittelgeschäften, Kiosken etc. keinen Alkohol zu kaufen außer billiges Bier und alkoholfreie Getränke. „Alko“ ist die einzige Kette in Finnland, die Alkohol verkaufen darf. Sie hat das Monopol auf diesem Gebiet und ist auch unabhängig vom Staat. Der Staat kann nicht über die Alkoholsteuer bestimmen. Insofern legt „Alko“ selbst die Preise fest. Alkohol in Finnland ist überdurchschnittlich teuer. Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, dass die Schiffsfahrten nach Tallinn so berühmt-berüchtigt für die Alkoholexzesse sind…







• Viele Finnen schämen sich für diese „Schifftrinktouren“ ihrer Landsleute. Es gibt sogar extra Schiffe, die 24 Stunden über das Meer fahren…
• In Finnland werden keine 1 und 2 Cent Münzen benutzt. Die gibt es hier gar nicht und man bekommt sie auch nirgendwo. Bei einem Preis von z.B. 3,99 € bezahlt man automatisch 4 €. Es gibt keinen Cent zurück. Seit meinem Aufenthalt hier habe ich auch tatsächlich keine 1 und 2 Cent Stücke mehr im Portemonnaie.

3 Kommentare:

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  2. Weitere Hintergründe zu der finnischen Kultur:

    • Steuern für den einzelnen Finnen sind hoch, doch die Verwendung für folgende Investitionen ist durchaus sinnvoll:
    - Schulen (gute technische Ausstattung, kleinere Klassen, schulpsychologische, sonder- und sozialpädagogische Beratungen, kostenloses tägliches Mittagessen, Gesundheitsfürsorge durch (Zahn-)ÄrztInnen und Schulkrankenschwestern an jeder zweiten Schule, Studien- und Laufbahnberatungen in höheren Klassen etc.)
    - Universitäten (Keine Studiengebühren, auch nicht beim Zweit- oder Drittstudium! Es gibt sogar jeden Monat für jeden Studierenden über 400 Euro für die Deckung der Lebenshaltungskosten und es muss nichts zurückgezahlt werden!!! Kredite werden zusätzlich zinsfrei vergeben)
    - Gesundheitswesen (sehr hoher Standard und sehr gute Versorgung)
    - Psychologische Beratungsstellen
    - gut ausgebaute Kinderbetreuung ab 1. Lebensjahr
    - Förderung von Frauen (v. a. Vereinheitlichung von Familie und Beruf)
    - Zahlung des vollen Gehalts während der Elternzeit (Besonders hier will der Staat Anreize schaffen, damit auch der Mann zu Hause bleibt und sich um das Kind während des 1. Lebensjahres kümmert.)
    - Förderung der Integration von Einwanderern, insbesondere der Sprache
    - Forschung
    - fortwährende Entwicklung der Technologie
    - Infrastruktur
    - Architektur
    - Bildung und Kultur
    • Die finnische Kultur und Mentalität ist für Außenstehende oft schwer zu verstehen. Um einige Hintergrundinformationen und ggf. Erklärungen zu bekommen, wurde mir das Buch „Finland, Cultural Lone Wolf“ von Richard D. Lewis empfohlen. Eine Bekannte hier hat es mir geliehen und ich lese es gerade. Soweit konnte ich bereits eine Erklärung für die Schüchternheit und die Zurückgezogenheit der Finnen finden und sie liegt in der geographischen Lage des Landes. Durch die extreme Kälte und den Wind (je weiter nördlich man geht, desto extremer wird es) besonders in der Vergangenheit hielten sich die Menschen selten draußen auf und wenn, dann sprachen sie wenig und schauten sich nicht an, um ihren Mund, ihre Zähne und ihre Augen zu schützen (das kann ich nach dem gestrigen Schneesturm in Helsinki auch sehr gut nachvollziehen ;-) ). Die Finnen sprachen nur so viel, wie es nötig war. Sie waren also von Natur aus nicht neugierig und hielten auch nicht viel von Geschwätz. Sie waren sehr auf sich selbst bezogen und meist in ihren eigenen Gedanken versunken. Wenn sie dann gesprochen haben, dann war das durchdacht und sehr präzise, auf den Punkt gebracht und erhielt wichtige Informationen. Das ist auch heute noch so und mitunter ein Grund für die Schüchternheit der Finnen, aber auch für ihren Erfolg in so vielen Bereichen. Das meiste, was sie anpacken, hat Hand und Fuß, weil es theoretisch durchdacht ist und auf die praktischen Bedürfnisse hin überprüft wurde. Soweit eine sehr verkürzte Zusammenfassung des Gelesenen.

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  3. Der Text war echt Informativ.Hat mir weiter geholfen.Danke*__*♥

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