Montag, 2. März 2009

Erster Tag an „meiner Schule“

Ich kann nur sagen: „I’m so thrilled!!! What a day!!!“

Es war so ein toller erster Tag, ich wollte die Schule gar nicht verlassen! Ich hätte dort den ganzen Tag verbringen können!!!

Aber eins nach dem anderen: die Busfahrt. Ich hatte ja schon etwas Angst, nachdem mir mein Mitbewohner eröffnet hatte, dass die meisten Busfahrer KEIN Englisch sprechen…Na das konnte ja ein Spaß werden…
Ich machte mich also zwanzig vor acht auf den Weg zur Bushaltestelle. Die war dann auch 10 Minuten später erreicht. So far so good. Nächste Hürde: in Finnland halten die Busse nicht automatisch an, man muss winken und also schon aus 200 m Entfernung erkennen, welcher Bus kommt – und es kommen so ca. zwei Busse pro Minute an einer Bushaltestelle vorbei und dann auch noch der restliche Verkehr. Und das Winken ist auch nicht so mein Fall…Ich entdeckte also die Busnummer 453 und sah zu meinem Unglück, dass die andere Person an der Bushaltestelle NICHT die Hand hob. Also musste ich ran…ABER glücklicherweise blinkte der Bus in Richtung Bushaltestelle – es muss wohl Telepathie gewesen sein, denn es wollte keine Person da aussteigen!!! So jetzt: „Sorry, do you speak English?“ Die Antwort: „No!“ Ups, es wäre ja zu schön gewesen…Also holte ich meinen Zettel raus und zeigte dem Busfahrer Name der Schule und Name der Straße. Damit konnte er leider auf Anhieb nichts anfangen :-( Dann musste also Plan B her (der ja eh der bessere ist ;-) ): Ich hatte noch in Deutschland eine Karte ausgedruckt, wo sich die Schule befinden sollte. Der Busfahrer erkannte etwas wieder :-) Ich bezahlte 4 Euro für eine einfache Fahrt (!!!) und los gings!!! Jeden Kilometer auf der Stadtautobahn gab es eine Bushaltestelle und ich wunderte mich, wo die Leute herkamen! Aber sie hoben fleißig ihre Hand und der Bus hielt an!!!

Die Busfahrt



Nach 20 Minuten Busfahrt und dem Verlassen Helsinkis sagte mir der Busfahrer auf Finnisch, dass ich hier aussteigen müsste. Wo die Schule war, wusste er allerdings nicht. So verließ ich mich einfach auf meine Intuition und entdeckte nach dem wahllosen Einbiegen in eine Straße plötzlich den Namen der Schule mit großen Buchstaben auf einem Gebäude! Was für eine Freude!!!

Ich nahm einen der vielen Eingänge und musste ziemlich ratlos aussehen, weil mich eine Person auf Finnisch ansprach. Ich frage nur „Do you speak English?“ Die Antwort: „Yes!“ Und ich dachte nur so: „Oh yes!!!“ Ich erklärte ihr, wer ich war und wen ich suchte – nämlich die Kollegin, mit der ich in E-Mail Kontakt war und die für die deutschen PraktikantInnen zuständig war. Die Englisch sprechende Lehrerin nahm mich also mit in das Lehrerzimmer und kümmerte sich rührend um mich. Sie erklärte mir, dass jede Lehrkraft Englisch sprechen könne, da dies ein Pflichtfach im Lehramtsstudium sei. Ich entschuldigte mich dafür, dass ich kein Finnisch sprechen kann und zählte ihr die paar jämmerlich wenigen Wörter auf, die ich bereits gelernt hatte! Da erstrahlte ein Lächeln über ihr Gesicht und sie ermutigte mich, die Wörter auch tatsächlich zu benutzen!!! Das ist sehr typisch für die Finnen: sie freuen sich sehr darüber, wenn man es wenigstens versucht, Finnisch zu sprechen! Es reichte schon ein „Kiitos!“ (danke) beim Busfahrer und er freute sich!!!

Dann brachte sie mich zu meiner Kontaktperson und mein Staunen nahm kein Ende. Die finnische Deutschkollegin sprach ein perfektes Deutsch und empfing mich sehr herzlich und freundlich. Wir sind sofort auf das „Du“ umgestiegen und auch die Kinder sprechen die Lehrkräfte mit Vornamen und „du“ an. Dann sah ich eine Deutschstunde in einer 6. Klasse – wow! Die waren richtig gut und stark! Zunächst richtete jedes Kind eine Frage an mich – in perfektem Deutsch! Die Kinder waren aber insgesamt sehr schüchtern mir gegenüber, was auch typisch für die finnische Kultur ist. Die Finnen sind eher distanziert und es braucht eine Weile, bis sie sich an eine Person gewöhnen. Dann sah ich eine sehr zügige Deutschstunde zum Thema „Perfekt“ – gestützt auf ein Deutschbuch, ein Schülerarbeitsheft und mit vielen kommunikativen Phasen. Es sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass an diesem Vormittag neun Kinder in der Klasse waren. Neun Kinder!!! Das ist ja ein Traum jeder Lehrkraft!!! Vier waren krank, aber trotzdem! Fremdsprachenunterricht mit so wenigen Kindern! Das sei aber nicht immer der Fall, versicherte mir die Deutschkollegin…
Dann kam die erste große Pause, die eine halbe Stunde dauert. Was für eine Entspannung! 30 Minuten und die Lehrkräfte waren völlig entspannt! Überhaupt keine Hetze! Nach 15 Minuten leitete die Schulleiterin eine Versammlung ein und an dieser Stelle wurde ich vorgestellt. Sie sprach auf Englisch und das schien so selbstverständlich! Alle im Raum verstanden sie und alle verstanden mich, als ich mich auf Englisch vorstellte! Alle hießen mich willkommen, lächelten mir zu und im Laufe des weiteren Vormittags kamen viele persönlich auf mich zu, stellten sich vor und ich lernte viele KollegInnen mit Vornamen kennen. Wir sprachen ganz selbstverständlich Englisch oder eben Deutsch mit den drei Deutschkolleginnen. Es war eine tolle Erfahrung!

Ich begleitete meine „Mentorin“ und ihre Klasse 2c zum Mittagessen – um 11 Uhr!!! Die Finnen essen SO früh zu Mittag in den Schulen!!! Es gibt eine Reihenfolge – die ersten Klassen beginnen schon um 10.45 Uhr mit dem Essen und dann geht es der Reihe nach im 15 oder 20 Minuten Rhythmus weiter. Wahnsinn!!! Da in Finnland sehr viele Allergien vorherrschen, gibt es immer neben der normalen Milch laktosefreie Milch (aber eben immer Milch) und vier unterschiedliche Soßen zu den Pellkartoffeln (z.B.): zwei Fleischsoßen, vegetarisch und glutamatfrei bzw. laktosefrei, was aber vorbestellt werden muss. Die Kinder bezahlen wie gesagt nichts, die Lehrkräfte ca. 1 Euro und alle von außerhalb, wie z.B. ich, 3,80 Euro pro Mahlzeit. Das wird mich also einiges kosten, aber was solls – dafür mache ich tolle Erfahrungen und habe eine warme Mahlzeit am (Vormit-)Tag :-)

Eine Sache hat mich auch sehr erstaunt: Es gibt eine Vorschulklasse an der Schule, in welcher Migrantenkindern finnisch beigebracht wird. Die Bedingungen: zwei Lehrkräfte unterrichten sieben Kinder 20 Stunden in der Woche!!! Sieben Kinder zu zweit!!! Das ist der Wahnsinn!!! Ein siebenjähriges russisches Mädchen z.B. lebt seit 1,5 Jahren hier und beherrscht die Sprache mittlerweile sehr gut – und finnisch ist unglaublich schwer zu erlernen. Mir wurde heute gesagt, dass Finnisch zu den fünf am schwierigsten zu erlernenden Sprachen weltweit zählt! Ich habe keinen Nachweis dafür gefunden, aber vorstellen kann ich es mir! Ich habe viel Finnisch heute gehört, aber ich habe einfach kein Wort verstanden, auch kein ähnliches zu den vier Sprachen, die ich kenne!!! Absolut nichts!!!

Ich könnte noch tausend Sachen erzählen, wie z.B., dass alle Kinder mit Hausschuhen rumlaufen und auch die Großzahl der Lehrkräfte mit Hausschuhen durch die Schule läuft und dass es eine Lüftung in jedem Klassenzimmer gibt und ich total gefroren haben und immer noch nicht verstehe, warum die Finnen bei den eisigen Temperaturen (am Wochenende waren es -10°C) eine Lüftung brauchen, aber ich lasse es gut sein und verweise hiermit auf die Bilder, die ich heute gemacht habe, um einen Eindruck von der Schule zu bekommen. Das Video von 5 Minuten Länge ist leider zu groß, um es hochzuladen :-(

1. Tag an der Laajavuoren koulu

2 Kommentare:

  1. Hi Liz

    Schön, dass es dir so gut gefällt. Als ich am Montag wieder in der Schule in Deutschland anfing, war es wie ein kleiner Schock für mich.
    Was du hier über deine sChule schreibst, klingt echt toll; schön dass es dir so gut gefällt.
    Ach, eine Frage habe ich noch. Wie groß ist die Anzahl der Kinder pro Klasse und sind in den Klassen immer zwei Lehrer (Doppelbesetzung) anwesend?

    Ich wünsche dir eine schöne Woche
    LG Steffen

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  2. Hallo Steffen,

    schön von dir zu lesen...ich bin so froh momentan, dass ich nicht an einer deutschen Schule anfangen muss!!! Das ist echt einfach so toll und entspannt hier!

    Ich muss dir ehrlich sagen: Bisher habe ich nur Unterricht in den Fächern Deutsch und Englisch gesehen. UND: die höchste Schülerzahl war 13!!! 13 Kinder!!! Es ist aber irgendwie so an der Schule, dass die Klassen für den Sprachunterricht geteilt werden, auch abhängig davon, wer sich in Deutsch eingewählt hat. Und wenn dir als Lehrkraft Gruppen zu groß werden, so bei 15 Kindern ;-), dann wird diese Gruppe auch geteilt...
    Aber ansonsten können die Klassen auch bis zu 25 Kindern groß werden, so ist das nicht.

    Und Doppelbesetzung ist jetzt glaub ich nur in der Vorschulklasse mit den Migrantenkindern. Doch es gibt viele Personen, die aushelfen, wie ein Schulpsychologe, eine Sozialpädagogin, regelmäßig Praktikantinnen ;-) (ab dieser Woche werde ich Kleingruppen aus den Klassen nehmen und intensives Kommunikationstraining machen...) Einmal in der Woche ist Lehrerversammlung (donnerstags in der 1. Std.). Morgen werden z.B. Gruppen gebildet (1.&2. Klassen; 3.&4. Klassen; 5.&6. Klassen), in denen ausgetauscht wird, was momentan ansteht, wo Probleme liegen etc.

    Dadurch dass die Kinder viele Möglichkeiten haben, sich irgendwo einzuwählen, entstehen meist kleine Gruppen. Das ist so ein angenehmes Unterrichten, ich sags dir...

    Aber man muss auch einfach das Alter der Kinder und die finnische Mentalität berücksichtigen. Die Kinder hier sind in ihrer Entwicklung mindestens ein Jahr zurück wie die in Deutschland. Eine 6. Klasse hier (und das würde einer 7. Klasse bei uns entsprechen, weil hier mit sieben Jahren eingeschult wird) ist max. vom Verhalten her mit unseren fünften Klassen zu vergleichen. Es gibt absolut keine Unterrichtsstörungen, die als solche bezeichnet werden könnten! Es herrscht absoluter Respekt vor der Lehrkraft. Echt einzigartig...

    Das war jetzt doch eine ganz schön lange Antwort auf eine kurze Frage. Ich hoffe, du konntest etwas damit anfangen.

    Liebe Grüße!

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