Dienstag, 10. März 2009

Weitere Erlebnisse

Kleingruppenunterricht macht Spaß :-)

Seit dieser Woche arbeite ich intensiv mit unterschiedlichen Deutsch-Lerngruppen (1. Klasse, 2. Klasse, 4. Klasse, 5. Klasse und 6. Klasse) zusammen und übe in Zweier- bis Vierergruppen maximal die deutsche Alltagssprache mit ihnen. Mit den Kleinen kommuniziere ich viel über Lieder, kurze Vorstellungsrunden und Themenfelder wie Farben, Körperteile und Familie. Mit den Größeren mache ich längere und weitreichende Vorstellungsrunden und spreche über deutsche Musik mit ihnen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viel Kinder über Gestik und Mimik aufnehmen und verstehen. Die Größeren haben bereits einen großen Wortschatz entwickelt. Natürlich verstehen sie mehr als sie sprechen können, doch was sie bereits ausdrücken können und wie beinahe fehlerfrei sie das tun – das ist enorm. Und wenn wir uns tatsächlich einmal nicht verstehen oder sie sich gar nicht ausdrücken können, was nicht oft passiert, dann sprechen wir auf Englisch! Diese Sprache scheint so selbstverständlich für die Kinder und Jugendlichen in Finnland zu sein!!! Ich vermute, dass dies in hohem Maße mit dem Schauen von Originalfilmen und –sendungen zu tun hat. Insgesamt kann ich jetzt schon zusammenfassen, dass die Kinder stark davon profitieren, in Kleingruppen von zwei bis vier Deutsch zu hören und zu sprechen. Es ist eine intensive Arbeit für alle Beteiligten. Natürlich lerne ich die Kinder nebenbei gut kennen, was bei so vielen unterschiedlichen Klassen sehr wichtig ist.

Im Gespräch mit einer Kollegin habe ich herausgefunden, dass es neben der Einzelförderung von Kindern mit Lernproblemen bzw. Verhaltensauffälligkeiten oder von Migrantenkindern zum Erwerb der finnischen Sprache (sie werden in bestimmten Stunden aus dem Klassenunterricht abgeholt) auch spezielle Förderschulen für Lern- und Erziehungshilfe gibt. Sie umfassen wie auch bei uns die Jahrgangsstufen 1-9 (ich hoffe, das stimmt so). Entweder gehen Kinder dort auf Empfehlung der ErzieherInnen oder nach Überprüfungen und Tests durch SonderpädagogInnen hin.

Eine andere Kollegin fragte mich, wie die Ausbildung zur Lehrkraft bei uns in Deutschland strukturiert sei. Ich erklärte ihr, dass es die Zweiteilung von Studium und Referendariat gebe. Dies war ihr völlig fremd. Sie erzählte, dass das Lehramtsstudium in Finnland vier bis fünf Jahre dauerte, wie bei uns zwei bis drei Fächer umfasste und man nach Beendigung des Studiums voll ausgebildete Lehrkraft mit vollem Gehalt sei. Während des Studiums gebe es Praktika, man hätte aber vor allem die Möglichkeit und die Zeit, bereits an Schulen zu arbeiten, Geld zu verdienen, Kontakte mit SchulleiterInnen zu knüpfen und Praxiserfahrung zu sammeln.
Im Vorfeld des Studiums gebe es allerdings Tests und nicht jede Person könne LehrerIn werden. So gab es zu der Zeit der Kollegin jeweils einen ganzen Prüfungstag. Man hatte zwei Stunden Zeit, eins von drei vorgegebenen Themen vorzubereiten und musste daraufhin eine Testklasse (echte Klasse mit echten Kindern) unterrichten. Im Anschluss daran gab es dann ein Prüfungsgespräch mit einer Prüfungskommission, in welchem es um die eigenen Beweggründe ging, Lehrkraft zu werden. (Und das alles, bevor man überhaupt studiert hatte!!!) Es ging dabei also nicht so sehr um bereits vorhandene didaktische und methodische Qualifikationen, sondern um zwischenmenschliche und empathische Fähigkeiten.
Ich denke, man kann diesen Prüfungstag auch Persönlichkeitstest nennen und ich muss sagen, ich finde das sehr sehr gut. Denn im Gegensatz zu Finnland, wo nur jede/r Dritte die Zulassung zum Lehramtsstudium nach diesem Testtag erhält, kann in Deutschland praktisch jede/r LehrerIn werden. Trotz Lehrermangel ist dies nicht unbedingt erstrebenswert...
Ich werde versuchen herauszufinden, ob dies bei den KollegInnen, die in den letzten 5-10 Jahren studiert haben, auch der Fall war.

Jeden Dienstag in der 7. Stunde besuche ich die Kollegin, die mir über das Studium erzählt hat, in ihrem Handarbeitskurs. Dort sind ca. 10 Mädchen in das Stricken, Häckeln, Nähen, Weben und Knüpfen vertieft. Es werden hauptsächlich alltagstaugliche Gebrauchsgegenstände gefertigt wie Blusen und kleine Täschchen. Darüber hinaus wird besonders großer Wert auf typische und traditionell finnische Muster gelegt, die bspw. auf Armbänder genäht werden. Die Mädchen haben großen Spaß dabei. Nebenbei stellen sie mir Fragen auf deutsch oder englisch und es herrscht eine lockere und entspannte Atmosphäre, die auch stark durch die Lehrerin begünstigt wird. Heute überraschte mich die Kollegin und die Handarbeitsgruppe mit einem selbst genähten Paar Handschuhen. Das war so süß und ich habe mich sehr darüber gefreut!!! Das wiederum hat die Schülerinnen und die Lehrerin sehr gefreut! So waren wir alle glücklich :-) Die Handschuhe sind unter den Fotos unten zu finden.

Noch eine kleine Ergänzung zu Finnland: Es gibt zwei Amtssprachen - finnisch und schwedisch. Deshalb werden alle Straßennamen, Ortsschilder, Abfahrten und alle möglichen Beschreibungen immer in beiden Sprachen angegeben. Es ist für alle Kinder Pflicht, schwedisch zu lernen. Dazu können noch deutsch, englisch, ggf. russisch, französisch und andere kommen...na, wenn es sonst nichts ist ;-)

Gemischt



Desweiteren gibt das Video hier einen kleinen Eindruck von einer typischen Pause an unserer Schule. Es wird Hockey und Fußball gespielt, im Schnee getollt, Schlitten gefahren, geschaukelt etc.:


2 Kommentare:

  1. Ich habe noch einige Ergänzungen zum Thema 'Förderschule' und 'Studium':

    Meine Mentorin erklärte mir, dass es insgesamt nicht sehr viele Förderschulen in Finnland gebe. Diese seinen z.B. speziell für Taubstumme, Blinde und Kinder mit anderen besonderen Bedürfnissen. Es wird aber insgesamt versucht, alle Kinder in die Regelschulen zu integrieren. So werden z.B. Kinder mit Lernschwierigkeiten, Sprachproblemen oder Verhaltensauffälligkeiten aus einigen Stunden herausgenommen und gefördert oder die Sozial- oder SonderpädagogInnen unterstützen diese Kinder im Regelunterricht. Ein Schulpsychologe steht ebenfalls unterstützend zur Seite. All diese Möglichkeiten werden an der Schule hier in Vantaa praktiziert. Darüber hinaus haben viele Regelschulen Sonderklassen, in denen Kinder mit besonderen Bedürfnissen beschult werden. Vor einigen Jahren hatte diese Schule hier eine Autisten-Klasse. Autisten werden in Finnland in Form von Einzelbetreuung besonders gefördert. So hat eine Klasse mit acht autistischen Kindern mindestens acht BetreuerInnen.

    Zum Studium: Meine Mentorin wollte im Jahre 1991 das Lehramtsstudium aufnehmen. Im Vorfeld musste sie drei Prüfungsphasen durchlaufen: 1. Sie musste zwei dicke Pädagogik- und Erziehungswissenschaftsbücher lesen und dazu eine Prüfung ablegen. Wer da nicht bestand, wurde nicht zum Studium zugelassen. 2. Es folgte ein Prüfungstag wie bereits oben beschrieben. Zunächst musste sie beweisen, dass sie im Team mit anderen arbeiten konnte. Dann musste sie ein vorgegebenes Thema bearbeiten und eine Klasse unterrichten. Daraufhin gab es ein Evaluations- und Eignungsgespräch. In all der Zeit wurde sie von PsychologInnen und PädagogInnen beobachtet. Wer sich in dieser Phase als nicht geeignet entpuppte, wurde nicht zum Studium zugelassen. 3. Es folgte ein psychologischer Test, der vermutlich Belastbarkeit in stressigen und hektischen Situationen und Persönlichkeitsmerkmale abfragte. Wer schließlich da nicht als geeignet eingestuft wurde, durfte nicht auf Lehramt studieren.

    Ich werde weiterhin versuchen herauszufinden, ob diese Testphasen heute immer noch so durchgeführt werden.

    Es gibt allerdings eine Einschränkung: Diese Testphasen mussten nur durchlaufen werden, wenn man KlassenlehrerIn werden wollte!!! Wenn man z.B. nur das Fach Englisch unterrichten wollte, konnte man sich für Englisch an einer Uni einschreiben und im Laufe des Studiums entscheiden, ob man LehrerIn werden wollte. Der Lehramtsanteil am Englischstudium betrug dann nur ein Jahr. Dies ist zumindest in den letzten 10 Jahren so gewesen.

    Als KlassenlehrerIn durchlief man ein ganz anderes Studium und musste praktisch alle Fächer studieren bzw. am Ende eine Prüfung darin ablegen. Wenn man sich dann noch spezialisieren wollte, z.B. auf die Fächer Deutsch und Kunst, studierte man das gesondert - im Anschluss oder parallel.

    Es gab (ggf. gibt) also große Unterschiede zur deutschen Ausbildung von LehrerInnen...

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  2. Eine weitere Information zum Thema "Studium":
    Zwei Kolleginnen, die um das Jahr 2000 ihr Studium begonnen hatten, mussten eben diese Testphasen, wie oben beschrieben, durchlaufen. Doch in der zweiten Testphase mussten sie keinen Unterricht zeigen. Ihnen wurde lediglich ein Thema vorgegeben, welches sie im Team mit anderen Lehramtsinteressierten besprechen und diskutieren sollten. Dabei wurden sie beobachtet. Im Anschluss gab es individuelle Evaluationsgespräche (siehe oben).
    Hat man einmal diese Testphasen bestanden und wird zum Studium zugelassen, dann hat man es praktisch geschafft und kann nicht mehr durchfallen, da es keine sehr großen Prüfungen mehr gibt.

    Ein Studium zum/zur KlassenlehrerIn kann innerhalb von drei Jahren abgeschlossen werden, wenn man schnell ist. Ein Jahr davon müssen die Studierenden im Schulunterricht hospitieren und darauf aufbauend im Rahmen von praktischen Studien selbst unterrichten. In Finnland kann man also nach drei Jahren Studium KlassenlehrerIn mit unterschiedlichen Fächern werden!!!
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