Sonntag, 22. März 2009

Wochenrückblick II

Meine Erlebnisse in der Schule:
• 80% der KollegInnen haben kein Auto und kommen mit dem Bus oder dem Zug zur Arbeit. Selbst wenn sie ein Auto haben, kommen sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule. Die wenigen Finnen, die ich außerhalb des Schulkollegiums getroffen habe, hatten in den meisten Fällen auch kein Auto. Wenn man in Helsinki oder Nachbarort wohnt, braucht man einfach kein Auto. Die Infrastruktur der öffentlichen Verkehrsmittel ist sehr gut ausgebaut! Generell sind auch die Zug- und Busverbindungen ins Landesinnere Finnlands sehr gut (nur eben sehr teuer…).
• Die Lehrkraft sorgt sich selbst um die Vertretung ihrer Stunden, wenn sie im Vorfeld weiß, dass sie dann und dann fehlen wird. So kann sie ihre Geschwister, Freunde, Bekannten, PraktikantInnen ( ;-) ) etc. fragen, dies zu tun. Fehlt man plötzlich krankheitsbedingt, dann regelt das die Schule. Meist springen dann die Sonder- und SozialpädagogInnen ein.
• Diese Schule hat nicht das Prinzip „Die Lehrkraft geht zu den Klassen“, sondern „Die Klassen gehen zur Lehrkraft“! D.h. der Deutschunterricht der einzelnen Klassen findet immer im Klassenzimmer meiner Mentorin statt, die den Raum entsprechend lernförderlich und lernanregend gestaltet hat. Was sich mir als Englisch- und Geschichtslehrerin da für Möglichkeiten eröffnen würden! Ich könnte meinen Raum nach meinem Ermessen gestalten und nicht in jedem Klassenraum, wo ich Englisch oder Geschichte unterrichte, da vereinzelt ein Plakat oder da ohne Zusammenhang ein Poster hinhängen. Ich könnte eine interessante Lernumgebung schaffen und Bücher sowie Materialien zur Verfügung stellen, welche die Motivation der SchülerInnen wecken…
• Ich hatte ja schon öfters die Schüchternheit der finnischen Kinder beschrieben. Im Gespräch mit einigen KollegInnen kam nun zum Vorschein, dass sie sich selbst darüber wundern und Schwierigkeiten im Unterricht haben, weil die Kinder nicht aus sich herauskommen und sich nicht melden. Besonders im Sprachunterricht ist das natürlich ein Problem. In meinen Kleingruppenarbeiten mit zwei bis drei SchülerInnen habe ich wiederum ganz andere Erfahrungen gemacht und ich kann wunderbar mit den Kindern und Jugendlichen sprechen und arbeiten!
• Die meisten Finnen bleiben lieber unter sich. Das ist im Kollegium auch spürbar. Es können zwar alle Lehrkräfte mindestens Englisch, doch abhängig von ihren Auslandserfahrungen kommen sie nicht freiwillig auf einen zu. Es ist deutlich zu erkennen, dass diejenigen, die selbst schon einmal im Ausland gelebt haben oder Kontakte außerhalb Finnlands pflegen, offen und interessiert an Menschen aus dem Ausland sind. Alle anderen unterhalten sich lieber mit ihresgleichen. Wenn man allerdings auch auf diese KollegInnen zugeht oder Fragen hat, sind sie sehr freundlich und antworten und helfen und tun, was in ihrer Macht steht. Eine komische Mischung…
• Dieses Phänomen des Zusammenhangs von Weltoffenheit und Auslandskontakten ist auch in den Klassen zu spüren. Rein finnische Klassen ohne Migrantenkinder sind sehr still, schüchtern und introvertiert. Reine Migrantengruppen (z.B. der Finnischunterricht für die Migrantenkinder) sind sehr lebhaft, lauter, offener gegenüber Fremden und kommunikativer. Gemischte Klassen (die Regel) mit Kindern mit Migrationshintergrund sind aus meiner Sicht insofern eine Bereicherung für den Unterricht. Dies gilt übrigens meiner Meinung nach auch in Deutschland! Es ist eine Bereicherung für alle Beteiligten, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammenkommen und es einen toleranten und offenen Austausch über unterschiedliche Sichtweisen, Traditionen und Erfahrungen gibt!

In diesem Sinne noch einen schönen Sonntag!

1 Kommentar:

  1. Hier noch einige Ergänzungen aus dieser Woche:

    • Klassenraumtüren lassen sich von außen nicht aufmachen. Man braucht einen Schlüssel dazu. Wenn die Türen ins Schloss fallen, sind sie zwar nicht abgeschlossen, haben aber eine Doppelsicherung und benötigen den Schlüssel der Lehrkraft, um aufgeschlossen zu werden. Ähnliches gilt generell für Außentüren (nicht nur in Schulgebäuden), die mit einem kleinen Hebel unterhalb der Türklinke geöffnet werden.
    • Stationsarbeit in 2. Klasse auf Deutsch (!) zum Thema ‚Ostern’! Stationen waren:
    - Religion (Osterbegriffe lernen und sich gegenseitig abfragen)
    - Mathe (Aufgaben rechnen und malen nach Zahlen mit Ostermotiven)
    - Biologie (Pflanzenaufbau: SchülerInnen arbeiten schon mit Wörterbuch und suchen Begrifflichkeiten selbst heraus! Jahreszeiten, Frühlingsmonate etc.)
    - Kunst (zu den wichtigsten christlichen Ostertagen Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag werden Bilder gemalt, indem jedes Kind das Bild immer wieder erweitert)
    - Kinder geben sich selbst einen Stempel in eine „Fröhliche Ostern“ - Faltkarte nach jeder Station
    → Kinder waren drei Schulstunden lang sehr motiviert und hatten eine Menge Spaß bei der Stationsarbeit auf Deutsch!
    • Auffällig sind die vielen Hausaufgaben, die auch schon in der Grundschule aufgegeben werden. Wenn Kinder ihre Hausaufgaben in einem bestimmten Fach nicht machen, müssen sie eine Stunde in der Woche im Anschluss an den Unterricht in der Schule bleiben und Aufgaben machen.

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