Als Vorabinformation: durch meinen verspäteten Abflug aus Deutschland habe ich den Besuch der Sotunki-Schule in der Nähe von Helsinki verpasst. Die anderen Gruppenmitglieder waren allerdings sehr begeistert von dieser Schule und empfahlen mir, sie im Laufe meines Aufenthalts hier einmal zu besuchen. Besonders stellten sie die unglaubliche technische Ausstattung und die "Wohnzimmer"-Atmosphäre heraus. Es war praktisch jedes Klassenzimmer mit Smart Board, Beamer, Laptop, Internet-Zugang und Dokumenten-Scanner ausgestattet. Sie stellten aber auch heraus, dass der Unterricht dadurch sehr frontal ausgerichtet war. Es wäre schön, wenn all jene, die an der Schule waren und das hier lesen, ihre Eindrücke einmal hier schildern könnten!
Jetzt also zurück zur DSH. Wie schon an der Sotunki-Schule und auch an der DSH festgestellt werden konnte: Der Unterrichtsstil ist nicht das Geheimnis der Finnen!!! Von wegen Methodenvielfalt...durch die vorhandenen Medien wird sehr viel frontal gearbeitet!!! Und laut Aussage einer deutschen Lehrerin aus Berlin, die seit zwei Jahren an der DSH unterrichtet, haben es die finnischen SchülerInnen am liebsten, wenn man 90 Minuten einen Lehrervortrag hält und sie sich Notizen machen können! Gruppenpuzzle ist nicht so ganz ihr Ding!
Was ist es also dann, das die Finnen bei PISA so gut abschneiden lässt?
Der stellvertretende Schulleiter der Schule, der auch deutscher Lehrer aus Köln ist, versuchte uns das so zu erklären:
Die Bildung hat einen sehr hohen Stellenwert in der Gesellschaft!
Es herrscht ein hoher gesellschaftlicher Konsens bzgl. der Gesamtschule in Finnland vor!
Behörden und Gesellschaft haben ein hohes Vertrauen in die Leistungen der Schulen!
Die Lehrkräfte erfahren eine hohe Anerkennung von Gesellschaft und SchülerInnen!
Bei den Finnen herrscht eine lange Lesetradition vor - sowohl im Vorlesen von Sagen und Nationalepen als auch im Lesen von finnischen Untertiteln zu Filmen in Originalsprache! So lernen die Kinder, schnell zu lesen und schnell zu erfassen, gleichzeitig wird das Hörverstehen und die Gewöhnung an die Fremdsprachen geschult!
Die Schulen investieren viel Geld in die individuelle Förderung unter dem Motto "no child left behind"! Es werden viele Nachhilfelehrkräfte in die Schule geholt und von der Schule finanziert, um den leistungsschwächeren SchülerInnen zu helfen.
Als letzter Punkt kommen die kostenlose Schulspeisung für alle Kinder, die absolute Lehr- und Lernmittelfreiheit bis zur 9. Klasse (dazu gehören auch z. B. Radiergummis in den Anfangsklassen), die Gesundheitsfürsorge und die Steigerung des Wohlbefindens als ein wesentlicher Teil des Lehrplans hinzu.
In jeder finnischen Schule könnten folgende Personen eingestellt sein - abhängig davon, was eine Schule braucht und was sie finanziell aufbringen kann:
Lehrkräfte
SonderpädagogIn
SozialarbeiterIn
SchulpsychologIn
GesundheitsfürsorgerIn (meist eine Krankenschwester, dazu kommt ein Arzt regelmäßig vorbei)
ErzieherIn für die Nachmittagsbetreuung
Verwaltungskräfte
Zivildienstleistende
Küchenpersonal
HausmeisterIn
EDV-BeraterIn
Zudem ist es die Aufgabe jeder Schule dafür zu sorgen, dass Kinder mit Migrationshintergrund die finnische Sprache erlernen. Dafür werden wieder NachhilfelehrerInnen von außerhalb eingestellt und bezahlt. Dies nennt sich dann "Stützunterricht".
Es gibt keine Vorschriften über die Klassenstärke. Das ist eher Sache der Schule. Es gibt auch keine formale Notengebung bis einschließlich Klasse 7. Es werden Gutachten ausgestellt und erst ab Klasse 8 gibt es Zeugnisse mit Noten.
Alle Schulen in Finnland arbeiten mit zwei Internetplattformen: Wilma und Fronter. Bei Wilma wird eingetragen, wer fehlt, Regelverstöße, Zeugnisnoten u.ä. Eltern haben immer auch von zu Hause aus Zugriff darauf. Fronter ist eine Plattform für die Lehrkräfte untereinander, dort werden aber auch Unterrichtsmaterial, die Ergebnissicherung der Stunde oder Tests für zu Hause eingestellt. Jedes Kind und jeder Jugendliche in Finnland hat Zugang zum Internet!
Sport ist sehr wichtig in Finnland. Beinahe jede/r SchülerIn geht nach der Schule zum Sportverein, ob es Eishockey oder Fußball ist. Die meisten kommen schon in Sportkleidung zur Schule und haben ihre Hockey-Schläger dabei. Und das täglich!!!
Noch ein letzter Aspekt, der zum guten Abschneiden der Finnen bei PISA beitragen könnte, ist die Ausstattung der finnischen Schulen. In vielen Räumen, v. a. in den Naturwissenschaften, befinden sich:
Smart Board
Beamer
Laptop, verbunden mit dem Internet
Dokumenten-Scanner
Video-/DVD-Recorder und Fernseher
OHP
Drucker
Farbausdrucke und Farbkopien auch für die SchülerInnen
Laptopwagen in den Fluren
Die Aussage eines Lehrers aus Bayern an der DSH bleibt mir in Erinnerung und ist meiner Meinung nach sehr vielsagend:
"Die finnischen SchülerInnen sind nicht intelligenter, sie sind eifriger!"
(Er unterrichtete eine finnische Klasse im Fach Physik auf deutsch zum Thema Aggregatzustände!!! Die Kinder konnten alles auf deutsch erklären! Dann bekamen sie einen dreiseitigen Versuchsaufbau auf deutsch mit Begriffen wie "funktionale und proportionale Zusammenhänge", sie lasen ihn, verstanden ihn, setzten um, was dort stand und schrieben die Versuchsergebnisse auf deutsch auf! Jede/r im eigenen Tempo und in selbst gebildeten Gruppen! Die Lehrkraft stand nur beratend zur Seite! Wir waren total verblüfft!)
Na wenn das alles ist, auf gehts...
Zum Schluss noch einige Bilder aus der Schule:
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| Der Besuch an der Deutschen Schule Helsinki |


Nach dieser schönen Beschreibung des finnischen Schulsystems freue ich mich ja schon riesig auf morgen ;-) - Willkommen zurück in der Realität.
AntwortenLöschenIch wünsche dir für morgen einen super Start in der Schule! Lass es dir gut gehen und berichte weiterhin so fleißig - wir sind gespannt.
Grüße aus Hessen, Isabell
Hi Elisabeth!
AntwortenLöschenIst ja spannend der Blog!
Als ich diese Seite hier gerade gelesen habe, fühlte ich mich doch in einigen Aussagen schwer an meine Lektüre (die ich wartenderweise auf meinen Arbeitsvertrag lese) erinnert. Vielleicht kennst du das Buch: Malcom Gladwell, Überflieger, campus Verlag. Ich habe das Buch geschenkt bekommen und fand das zunächst langweilig. Das Lesen lehrte mich jedoch eines Besseren! Bestimmt hast du momentan keine Zeit für soetwas! Aber evtl. versüßt es dir ja deinen Rückflug (wo du doch nicht so gerne fliegst). Ich habe keine Ahnung, ob du es in Finnland erstehen kannst, vielleicht die ursprüngliche englische Version (es handelt sich um einen Bestseller aus den USA).
Bin auf jeden Fall gespannt auf deine Neuigkeiten!
Ganz lieben (warmen) Gruß,
Janna
Mir scheint es so, als wäer der Soziale Wandel in Finnland weniger ausgeprägt als z.B. in Deutschland. Die Schüler ahben noch Respekt und das mit dem Physikunterricht fasziniert mich auch ungemein!
AntwortenLöschenAlles Liebe von Claire
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