Sonntag, 29. März 2009

Einblick in die gymnasiale Oberstufe

Am 23. und 24. März besuchte ich für einige Schulstunden die Nachbarschule der Laajavuoren koulu, die Martinlaakson lukio. Das ist eine gymnasiale Oberstufe, die max. drei Jahre umfasst und zum Abitur führt. Ich habe sowohl einige Eindrücke vom Deutsch- und Englischunterricht als auch einen tieferen Einblick in die finnische Schulstruktur gewinnen können.
Zunächst einige Unterrichtsbeobachtungen: Auch die finnische SchülerInnen, die schon 17 und 18 Jahre alt sind, waren immer noch so schüchtern wie die GrundschülerInnen. Sie schauten mich nicht an und hatten auch keine Fragen.
Das Anforderungsniveau war sehr hoch. Meistens ging es bei fremdsprachigen Texten um das Hör- und Leseverständnis (richtig/falsch, Synonyme, Übersetzen/Wiederfinden/Paraphrasieren von Sätzen, Wortschatzarbeit, Grammatik). Es wurde kaum über Texte gesprochen, über das inhaltliche Thema diskutiert und es wurden kaum kreative Aufgabenstellungen angeboten. Die Kommunikation der SchülerInnen untereinander und ihr Redeanteil waren in diesen Stunden eher gering im Vergleich zum hohen Redeanteil der Lehrkraft.
Auffällig war ebenfalls, dass der Unterricht mit dem Vergleich der Hausaufgaben begann, und zwar in der Weise, dass die Lehrkraft die Ergebnisse über Dokumentenkamera, Beamer und Leinwand auflegte und es den SchülerInnen selbst überließ, ob diese verglichen und ggf. verbesserten oder nicht. Nach einer gewissen Zeit wurde das Dokument weggenommen und der Unterricht begann, indem die Lehrperson den Verlauf der Unterrichtsstunde vorstellte. Besonders erstaunlich war für mich das hohe Tempo der Unterrichtsstunden, v. a. im Englischunterricht. Da wurde keine Minute ungenutzt gelassen. Insofern konnte sehr viel Stoff in relativ kurzer Zeit behandelt werden. Die SchülerInnen waren sehr diszipliniert und es gab keine Unterrichtsstörungen (das Einzige, was ich beobachten konnte, waren einige Mädchen, die sich ihre Hände gegenseitig anmalten oder ihre Hefte und Arbeitsblätter verschönerten :-) …doch der Unterricht verlief völlig ungestört und das von halb zwei bis viertel vor drei). Während die Jugendlichen in Stillarbeit oder Partnerarbeit Aufgaben bearbeiteten, trug die Lehrkraft die fehlenden SchülerInnen in die online-Plattform „Wilma“ ein, die für alle LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern jederzeit einsehbar ist. Insofern sind die Klassenzimmer immer auch (neben der normalen Ausstattung mit Dokumentenkamera, Beamer, Leinwand und oft Mikrofonanlage) mit einem Laptop ausgestattet und zu jeder Zeit online. Somit können Internetseiten immer auch direkt im Unterricht eingesetzt werden.
Weitere Besonderheiten:
• die Fächer (Kurse) sind den Klassenräumen und Lehrkräften zugeordnet und nicht andersrum.
• Eine Stunde umfasst 75 Minuten.
• Es klingelt nicht.
• Die Lehrkräfte unterrichten meistens: Sprachen oder Naturwissenschaften oder Nebenfächer. Ansonsten sind die Einstellungschancen sehr gering.
• Die Abiturprüfungen werden ganz unspektakulär geschrieben. In den Nebenräumen findet normaler Unterricht statt.

Nun etwas zum Aufbau der gymnasialen Oberstufe:
Nach der neunten Klasse (mit 16/17 Jahren, es gibt kein Sitzenbleiben) verlassen alle SchülerInnen die neunjährige Gesamtschule und entscheiden sich dann, welchen Weg sie einschlagen: gymnasiale Oberstufe, Berufsschule oder Arbeitsleben. 50-60% eines Jahrgangs besuchen die gymnasiale Oberstufe. 40-50% besuchen eine Berufsschule.
Die gymnasiale Oberstufe umfasst die Schuljahre 10 bis 12 und schließt mit den Abiturprüfungen ab, die zweimal im Jahr geschrieben werden: im Frühjahr und im Herbst. Sie besteht weiterhin aus einem klassenlosen Kurssystem, d. h. dass die Fächer in Kursen gelernt werden. Ein Kurs umfasst 38 Stunden. Die SchülerInnen wählen sich in 6-8 Kurse (30-40 Stunden pro Woche) pro Epoche ein. Ein Schuljahr besteht aus 5 Epochen. Am Ende einer Epoche gibt es eine Testwoche (Dauer: 1,5 Wochen), in der jeder Kurs mit einer Klausur oder einer mündlichen Prüfung abgeschlossen wird. D. h. zum Teil haben die SchülerInnen acht Prüfungen in 1,5 Wochen, abhängig davon in wie viele Kurse sie sich eingewählt haben. Wenn sie alle bestehen (es gibt kein Sitzenbleiben, ein Kurs kann wiederholt werden) und dieses Tempo beibehalten, können sie bereits nach zwei oder zweieinhalb Jahren Abitur machen. Es ist aber so, dass speziell die gymnasialen Oberstufen Studienberatungen anbieten und den SchülerInnen helfen, ein gesundes Maß an Kursen zu belegen. (Weiterhin steht den SchülerInnen Förderunterricht sowie die Gesundheits- und Schülerfürsorge zur Verfügung.) Den SchülerInnen wird empfohlen, max. 7 Kurse pro Epoche zu belegen. Jeder Kurs hat ein bestimmtes Thema, dass in ca. 6 Wochen behandelt wird. Daraufhin erfolgt die Testwoche. Bis zum Abitur brauchen die Lernenden min. 75 Kurse. In Finnland wird ein Zentralabitur geschrieben, dass auch zentral korrigiert wird, nicht von der Lehrkraft. D. h. es herrscht eine relativ echte (!) Vergleichbarkeit landesweit vor (wobei ich nicht vom Zentralabitur überzeugt bin). Insofern ist der Druck auf SchülerInnen und Lehrkräfte sehr hoch, den geforderten Stoff zu behandeln und durchzukriegen und es ist nachvollziehbar, warum das Tempo so hoch und die Unterrichtsform der Frontalunterricht ist (meiner Meinung nach ist das System allerdings sehr fraglich – wie auch die Abschlussprüfungen in der 9. und 10 Klasse in Deutschland, da ein „learning to the test“ forciert wird).
Im 1. Jahr der gymnasialen Oberstufe (10. Schuljahr) wählen die SchülerInnen meistens die obligatorischen Kurse: eine bestimmte Anzahl an…
- Finnisch- und Schwedischkursen
- Mathekursen
- Physikkursen
- Musik- und Kunstkursen
- Fremdsprachkursen (meist Englisch)
(Das ist nicht vollständig. Leider habe ich nicht mehr Informationen aus erster Hand bekommen können.)
Alle anderen und weiteren Kurse sind wahlfrei.
Die Noten eines Kurses setzen sich zum größten Teil aus der Note der schriftlichen oder mündlichen Prüfung am Ende des Kurses zusammen. Die Lehrkraft kann aber eine Note höher oder tiefer gehen, wenn z.B. ein Referat gehalten wurde oder die Bemühungen im Kurs besonders gut bzw. besonders gering waren. Diese Noten zählen auch mit ins Abitur hinein. Hier weiß ich wiederum leider nichts Genaueres.
Die Kurs- und auch Abiturprüfungen in den Fremdsprachen sehen nach meinem Wissen unseren Abschlussprüfungen (vom Aufbau, nicht vom Inhalt her!) ähnlich: Hörverstehen, Leseverstehen, Grammatik, Schreiben.

Nun noch einmal etwas zu den finnischen Schulen in der Zusammenfassung von Rainer Domisch, Leiter des Zentralamts für das finnische Unterrichtswesen. Des Weiteren eine Kopie zum Aufbau des finnischen Schulsystems am Beispiel von drei Schulen in Vantaa, die in zwei Minuten Entfernung zueinander liegen und aufeinander aufbauen.





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