Sonntag, 15. März 2009

Tallinn am 14. März 2009

Ein toller Tagesausflug!

Sollte man nach meinem letzten Beitrag auf den Geschmack gekommen sein und Helsinki besuchen wollen und dazu noch drei Tage Zeit haben, dann empfehle ich, einen Tag für Tallinn, die Hauptstadt von Estland, einzuplanen. Mit dem Schiff (z.B. Viking Line) hat man die Strecke von 80km in 2,5 Stunden pro Richtung überquert und hat 4 Stunden für den Stadtkern von Tallinn Zeit. Klingt wenig, reicht aber völlig aus! Ich war von der einladenden und freundlichen Atmosphäre der Stadt überrascht und fühlte mich sehr wohl dort. Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Strukturen sind sehr gut erhalten und laden zum Verweilen und Erkunden der Sehenswürdigkeiten, Straßen, Gässchen und der vielen weiteren versteckten Ecken ein. Besonders im anfänglichen Sonnenschein von 14 bis 15.30 Uhr kamen die farbenprächtigen Gebäude und Häuser hervorragend zur Geltung! In der historischen Altstadt sind noch große Teile der Stadtmauer, der Wachtürme und anderer Bestandteile einer Burg enthalten und entfalten eine majestätische Wirkung auf „Touristen“. Zudem ist das Stadtbild von vielen und vor allem hohen und alten Kirchen bestimmt – 11 (!) an der Zahl aus unterschiedlichen Epochen, für unterschiedliche Konfessionen und unter wechselnden Herrschaften erbaut. Ebenfalls fallen die übermäßig vielen Souvenir-Shops, Restaurants und Alkoholgeschäfte auf. Ein eindeutiges Zeichen, worauf die Stadt ausgerichtet ist – den Tourismus.
Für die Finnen ist Tallinn ein beliebtes Tagesausflugsziel, weil es im Vergleich zu Helsinki so unglaublich billig ist! Sie kommen mit großen Einkaufstaschen voll bepackt mit tollen Sachen, die das Leben schöner machen, zurück aufs Schiff ;-) (meistens aber doch Alkohol in relativ großen Mengen, aber auch Tee, Schokolade und andere Sachen des täglichen Gebrauchs). In vier Stunden Aufenthalt haben die Finnen meistens eingekauft, in einem der zahlreichen Restaurants gegessen und in einer der vielen Kneipen einiges an Bier getrunken.

Doch auch die Schifffahrt ist ein Erlebnis für sich – hier beginnt nämlich schon das Geldausgeben auf der Hinfahrt und geht auf der Rückfahrt zu Ende. Das Schiff mit 10 Decks ist ein Stadtzentrum (!) mit Restaurants, Cafes, Bars, Pubs, Live-Musik, Spielecken für Kinder, Spielautomaten für Erwachsene, vor allem aber mit ein Shopping-Center, das Alkohol, Süßigkeiten, Kosmetika, Parfüm u.a. steuerfrei anbietet. Im Geschäft ist kein Durchkommen und das Geld, das über die Ladentheke geht, ist unvorstellbar! Um 12 Uhr mittags, wenn „Shopping World“ öffnet und die ersten ihre Alkoholika gefunden, sich zur Kasse durchgeschlagen und bezahlt haben, wird bereits auf dem Schiff Alkohol in großen Mengen konsumiert. Nach einer Stunde kann man schon Bierfahnen riechen und betrunkene Menschen sehen. Die Konsumfreude ist unbeschreiblich. Es gibt vermutlich keine Finnen bzw. eher niemanden aus Helsinki, der nicht schon mehrfach in Tallinn gewesen ist. Bei vielen beginnt es schon im Kindesalter – mit einem Familienbesuch in Tallinn. Jugendliche lernen hier das Konsumieren…

Nun noch ein unschöner Nachtrag zu den Szenen vom Abend auf dem Schiff: nach so viel Alkoholkonsum kann man sich sicherlich vorstellen, was sich abspielt. Ich möchte nicht ins Detail gehen, nur einige Eindrücke: schlafende Männer an den Tischen, schwankende Menschen, die andere anrempeln und teilweise über sie fallen, aufgefangen und weitergeschickt werden, lallende Menschen, über Tische fallende Menschen, fremde Menschen „im Gespräch“ miteinander, oft mit schon halb geschlossenen Augen. Die Tische sind überfüllt mit alkoholischen Getränken, daneben stehen stapelweise Bierpacks oder andere Alkoholflaschen, die im Shopping-Center gekauft wurden und nun schon getrunken oder für zu Hause aufbewahrt werden, und es wird noch ein Cocktail, noch ein Bier, noch ein Schnaps bestellt und angestoßen…Und mitten drin Kinder, die ihren Eltern dabei zusehen…
Das ist das Paradoxe für mich an der finnischen Kultur: die schüchternen, zurückhaltenden, wohlbehüteten und wohlerzogenen Kinder in der Schule und die trinkenden Jugendlichen und Erwachsenen.

Wie dem auch sei, ein Abstecher von Helsinki nach Tallinn ist preiswert und die historische Altstadt ist auf jeden Fall einen Besuch wert! Zum Kennenlernen der Stadt und einem Restaurantbesuch reichen vier Stunden vollkommen aus. Wer dazu noch Einkaufen möchte, braucht vermutlich mehr Zeit. Einen Lebensmittelladen im Stadtkern habe ich jedoch spontan nicht gesehen. Tallinn beweist auf jeden Fall, dass Geschichte Spaß machen kann, und dass Geschichte schön ist, habe ich ja schon immer gesagt :-)

Nun die versprochenen Fotos, aber kaum mit Beschriftung...ich weiß sehr wenig über die geschichtlichen Hintergründe Tallinns. Die Fotos sollen insgesamt einen Eindruck von der Schifffahrt, von dem Schiff selbst und von der historischen Altstadt Tallinns geben - viel Spaß dabei :-)

Tagesausflug nach Tallinn

1 Kommentar:

  1. Hallo Liz,
    vielen lieben Dank für die ausführlichen Reiseberichte - das spart jedes nervige Verkaufsgespräch in einem Reisebüro :-)
    Und ich habe so das Gefühl, du hast mich überzeugt und ich sollte Tallinn mal einen Besuch abstatten - spontan kommt mir da der 11.April in den Sinn - was kann es schöneres geben als einem Samstag gemütlich jenes ominöse Shopping-Centre aufzusuchen und in eine vergnügliche, beobachtende Rolle angesichts der finnischen Trink-Kultur zu schlüpfen.

    Da dieses Vorhaben natürlich nicht ohne einen gleichzeitigen Abstecher nach Helsinki zu realisieren ist - denn man will ja schon die exakte Route nehmen, die du hier so wunderbar vorgeschlagen hast, werde ich mich doch vorher Richtung Finnland begeben und die Zeit nutzen, deine weiteren Eindrücke nachzuempfinden.

    Das ist der Pan! :-)

    bis dahin, frohes Schaffen und Sammeln weiterer unvergesslicher Momente - und natürlich eine nie endende Kreativität für weitere tolle Projekte - mir ist da was zu Ohren gekommen :-)

    Liebe Grüße

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