Sonntag, 26. April 2009

Einblicke in eine finnische Mittelstufe (Klassen 7-9)

Durch die Pubertät muss wohl jede/r durch…

Bisher waren meine Beobachtungen, dass die finnischen GrundschülerInnen (Klassen 1-6) und die finnischen OberstufenschülerInnen (nach der 9. Klasse) mentalitätsbedingt nicht mit unseren zu vergleichen sind und eine große Schüchternheit sowie einen hohen Eifer, zu lernen, an den Tag legen. Am 22. April 2009 habe ich es dann endlich geschafft, die Martinlaakson koulu zu besuchen, die die Schuljahre 7-9 umfasst. Dort habe ich den Gegenbeweis zu dieser Hypothese gefunden und es bot sich mir ein bekannteres Bild: die Jugendlichen in dem Alter 14 – 16 sind unseren doch sehr ähnlich! Der Phase der Identitäts- und Selbstfindung und der Einstellung „Hauptsache dagegen“ kann wohl niemand entkommen.

Konkret hieß das, dass der Unterricht nicht so leise und ungestört durchgeführt werden konnte, wie in den niedrigeren Klassen der Gesamtschule (bis Klasse 6) oder der gymnasialen Oberstufe. Es war bei den Jugendlichen in den Jahrgängen 7-9 diese „Null-Bock-Stimmung“ zu spüren, wie es auch bei uns in Deutschland (zumindest war das meine Erfahrung in den Haupt- und Realschulen) der Fall ist. Andere Dinge wie Kleidung, Styling, Handys, Musik, Coolness, Provokation, Austausch mit Gleichaltrigen auch während der Stunden etc. sind eben in dieser Lebensphase viel wichtiger als Schule, LehrerInnen, Noten und Bildung. Dennoch muss ich sagen, dass die Unterrichtsstörungen nicht so enorm waren, wie ich sie in meinem Unterricht teilweise erlebt habe. So fanden einige Privatgespräche in den hinteren Reihen statt, die zeitweise auch etwas lauter wurden, aber der Unterricht konnte trotzdem weitergeführt werden und beeinträchtigte nicht die, die lernen wollten. Die Einstellung der meisten LehrerInnen an der Schule war (so wie ich das beobachtet habe), die Jugendlichen in Ruhe zu lassen (solange die Nebengespräche nicht zu laut wurden). Es wurde sich also auf diejenigen konzentriert, die etwas lernen wollten. Jene Jugendlichen haben dann auch die Aufgaben, die an sie herangetragen wurden, immer sofort begonnen und gewissenhaft erledigt, ohne sich zu beschweren. Ich hatte den Eindruck, dass es den SchülerInnen praktisch frei gestellt wurde, ob sie mitarbeiten wollten.

Dieses Prinzip der Freiheit und des Ignorierens wurde auch auf die (wenigen) sehr schwierigen Fälle angewandt. Ein Schüler bspw. konnte weitestgehend machen, was er wollte (natürlich nur bis zu einem gewissen Grad) und die Lehrkräfte haben ihn gewähren lassen. Er hat nicht am Unterricht teilgenommen (physisch war er schon anwesend) und Privatgespräche mit seinen unmittelbaren NachbarInnen geführt. Es war jedoch erstaunlich, dass jene nach einer gewissen Zeit eigenständig zu ihren Aufgaben zurückfanden und ihn so auch mitzogen. Zu keiner Zeit während dieses Schultages haben die Nebengespräche oder andere (störende) Verhaltensweisen der SchülerInnen Überhand genommen und das Unterrichten negativ beeinflusst.

Ein Grund für das zurückhaltende Verhalten der Lehrkräfte und ihre Einstellung „die SchülerInnen gewähren lassen“ könnte einerseits das Verständnis für und die Akzeptanz gegenüber der schwierigen Phase, in welcher sich die Jugendlichen befinden, sein. Andererseits könnte es sein, dass die LehrerInnen die Verantwortung für das erfolgreiche Lernen in die Hände der SchülerInnen selbst legen, die ihr Können in einer Vielzahl von Prüfungen unter Beweis stellen müssen. Denn auch in der Mittelstufe ist das Schuljahr so ähnlich aufgebaut wie in der gymnasialen Oberstufe: Das Schuljahr besteht aus vier Epochen und eine Epoche aus ca. acht Wochen. Während einer Epoche belegen die SchülerInnen ca. sechs Pflichtkurse (je 4 Wochenstunden) und wählen sich in zwei bis drei wahlfreie Kurse sowie Sport ein, die weniger Wochenstunden umfassen. Am Ende einer Epoche erfolgt eine Testwoche, in welcher die SchülerInnen dann ca. sechs bis acht Prüfungen (meistens schriftlich) ablegen müssen. Wenn sie eine Prüfung nicht bestehen, müssen sie in eine Nachprüfung oder den Kurs wiederholen. Hier liegt es also ganz im Interesse der Jugendlichen selbst, während des Kurses mitzuarbeiten, um die Prüfung zu bestehen. Eine Deutschlehrerin meinte, diese Testwochen seien eine große psychische Belastung für die Jugendlichen und sehr stressig für alle Beteiligten.

In Bezug auf den Unterricht kam immer wieder zum Ausdruck, wie groß der Druck vom Lehrplan ist. In den acht Wochen muss (oder sollte) ein ganzes Kursbuch (Textbuch und Schülerarbeitsbuch) durchgearbeitet und am Ende abgeprüft werden. Das hieß in der Konsequenz, dass auch an dieser Schule das Niveau und das Tempo sehr hoch waren. Überwiegend wurde dementsprechend lehrerzentriert und lehrwerksorientiert unterrichtet. (Dies ist natürlich nur der Eindruck eines Tages. Im Englischunterricht habe ich z.B. eine tolle Gruppenarbeit gesehen, in welcher die Jugendlichen ein Werbeposter für einen Stadtteil Helsinkis oder Vantaas erstellt haben. Dabei waren sie sehr kreativ und motiviert, obwohl die Verhältnisse im PC-Raum sehr beengt waren und sie zudem zu dritt an einem PC saßen! Die Disziplin war enorm hoch und die Ergebnisse toll!) Den SchülerInnen war es – wie bereits oben erwähnt – selbst überlassen, ob sie mitarbeiteten oder nicht. Diejenigen, die Ambitionen haben, auf die gymnasiale Oberstufe zu wechseln und Abitur zu machen, haben den Ehrgeiz, gewissenhaft zu arbeiten. Diese Einstellung kommt bei einigen früher, bei einigen später. Schließlich gehen 50-60% eines Jahrgangs nach der 9. Klasse auf die gymnasiale Oberstufe.

Weitere Informationen zur Struktur der Schule:
• Die ca. 400 SchülerInnen sind in einer großen Schule mit drei Stockwerken untergebracht. Die Flure sind mit vielen Schülerarbeiten, Postern und Gruppenarbeitsplakaten gestaltet. Über dem Treppenhaus hängt ein riesiges Plakat (von Schülern gemalt), welches die Tage bis zum Beginn der Sommerferien runterzählt. Im obersten Stockwerk befinden sich die Verwaltungsräume sowie ein großes, geräumiges und gemütlich eingerichtetes Lehrerzimmer (mit Sofas, kleiner Küche und PCs), das sich praktisch über die ganze Etage erstreckt.
• Der Aufbau eines Schultages ist ebenfalls sehr ansprechend für mich und bringt Ruhe und Entspannung in den Tag: Unterrichtsbeginn ist um 8 Uhr. Eine Unterrichtsstunde umfasst 45 Minuten. Nach jeder Unterrichtsstunde gibt es 15 Minuten Pause! Von 11.45 – 12.15 Uhr ist Mittagspause, in der die ganze Schulgemeinschaft zum Mittagessen in die Mensa geht. Ab da geht der Rhythmus von 45 Minuten Unterricht und 15 Minuten Pause weiter, bis der Schultag um 16 Uhr endet.
• Ab der 7. Klasse gibt es nicht mehr das Klassenlehrerprinzip. Die SchülerInnen werden nur von FachlehrerInnen unterrichtet. Es wird kaum fachfremd unterrichtet (und wenn doch, dann nur in dem Bereich der eigenen Fächer, z.B. Physik, wenn man Biologie und Chemie studiert hat).
• Die SchülerInnen werden in den Pflichtfächern im Klassenverband unterrichtet, darüber hinaus wählen sie sich in angebotene wahlfreie Kurse und sind mit anderen SchülerInnen eines Jahrgangs im Kurs.
• Jeder Klasse wird ein/e BetreuerIn zugeordnet, die eine/n KlassenlehrerIn ersetzt. Sie übernimmt die organisatorischen Aufgaben für diese Klasse. Jeden Mittwoch von 12.15 – 12.30 Uhr finden Treffen zwischen BetreuerIn und Klasse statt und es werden Informationen weitergegeben bzw. Absprachen getroffen oder aktuelle Dinge besprochen.
• Bei großen Schwierigkeiten einer/eines Jugendlichen wird im Team gearbeitet: Eltern, SchulpsychologIn, Lehrkräfte, Sonder- oder SozialpädagogIn und die/der betroffene Jugendliche arbeiten gemeinsam an der Lösung des Problems.
Es war eine tolle Erfahrung für mich, die Mittelstufe besuchen und viele Parallelen zu deutschen SchülerInnen in diesem Alter ziehen zu können!

Des Weiteren hat es mir großen Spaß gemacht, zwei Deutschstunden in zwei unterschiedlichen 8. Jahrgangsstufen zu unterrichten. Dafür habe ich das Thema „Liebe“ gewählt und zwei deutsche Liebeslieder thematisiert. Das sprach die Jugendlichen größtenteils an! Obwohl ich beide Lerngruppen vorher noch nie gesehen habe und auch die SchülerInnen mich vorher noch nie gesehen haben, haben sie mir (von der Lehrkraft angeleitet) vorbereitete Fragen gestellt und wir kamen ins Gespräch. Die Lernenden konnten sehr gut Deutsch verstehen! Es fiel ihnen jedoch sehr schwer, sich auszudrücken. Die Vermutung liegt nahe, dass es an ihrer Angst lag, Fehler zu machen, sowie an ihrer Schüchternheit gegenüber neuen Personen (beides kulturbedingt), nicht aber an ihrem eigentlichen Vermögen, auf Deutsch zu sprechen.

Ich hoffe, in den verbleibenden zwei Schulwochen noch mehr Einblicke in die Mittelstufe bekommen zu können!

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